Hamlet, Prinz von Dänemark, hat es nicht leicht gehabt. Sein Schöpfer wuchtete die schwerwiegendste aller Fragen auf seine Schultern.

To be or not to be, that is the question.

Hand aufs Herz, wer wüsste darauf wohl eine befriedigende Antwort. Lange schon frage ich mich, ob es nicht eine Nummer kleiner gegangen wäre. Mit ein bisschen Pragmatismus und etwas gutem Willen hätten sich doch auch Fragen entwickeln lassen, die aus der Tragödie hinaus- und nicht in sie hineinführen. Eine Frage also, die dem Fragesteller die Chance gibt, zu einer klaren und eindeutigen Antwort zu finden, statt im Blutbad zu enden.
Vielleicht hat Shakespeare einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gelebt. Möglicherweise hätte ihn Schweden zu einer ganz anderen Frage inspiriert, jener nämlich, die in diesem Land sommers wie winters alle Gemüter bewegt, und zwar ohne blutrünstige Katastrophen heraufzubeschwören.

Öppet eller stängt, det är frågan!
Geöffnet oder geschlossen, das ist hier die Frage!

Verlässliche, nachvollziehbare und regelmäßige Öffnungszeiten sind in Schweden keineswegs eine Selbstverständlichkeit, mal abgesehen von den großen Supermärkten, die rund um die Woche und quer durch das Jahr, einschließlich aller Sonn- und Feiertage, Einlass in ihre Kaufhallen gewähren. Wer am Weihnachtsfeiertag, Ostersonntag oder an Christi Himmelfahrt eine Dose Erbsen braucht, holt sie sich einfach im nächst gelegenen ICA, Willys, Lidl oder Netto. An keinem Tag des Jahres wird der Kunde gänzlich ausgeschlossen. Nun gut, für den heiligsten aller heiligen Feiertage in Schweden, Mittsommer nämlich, möchte ich meine Hand nicht ins Feuer legen.

Liebhaber von Second-Hand-Läden und Flohmärkten ‑ hierzulande loppmarknad oder kurz loppis genannt ‑ bewegt die ebenso knappe wie präzise Frage bis ins Mark. Ob ein Loppis geöffnet oder geschlossen ist, stellt sich immer erst vor Ort heraus. Allein das Öppet-Schild sorgt für klare Verhältnisse … und lässt das Herz eines Trödel-Enthusiasten für den Bruchteil einer Sekunde höher schlagen.

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Tatsächlich kann das kleine Wort richtungsweisende Veränderungen bewirken, Vergangenheit in Gegenwart verwandeln, den Lauf der Zukunft lenken. „Öppet“ entriegelt die Welt der abgelegten, aber nicht abgelebten Dinge, verräumter und verramschter Sachen, Träger von Geschichten, die gelesen werden wollen, manchmal auch neu erdacht werden müssen, weil sich ihre Spuren in der Vergangenheit verlieren, deren Schlüssel im Nirgendwo verschwanden. Niemand hat sie notiert oder dokumentiert, nur der Gegenstand selbst zeugt von seiner Existenz. Mit uns kann sich seine Geschichte fortsetzen, ein neues Kapitel hinzuerzählt werden. Dazu braucht es nicht mehr und nicht weniger als ein Quäntchen unserer Aufmerksamkeit.

In einer konsumgesättigten Gesellschaft wie der unseren bringt die Welt aus zweiter Hand den spielerischen Zufall, das unkalkulierbare Finderglück ins Leben zurück. Ohne Ziel und Zweck fällt etwas in unsere Hände. Wir stolpern darüber, kommen nicht daran vorbei, lassen uns darauf ein. Was andere loswerden wollten, findet unsere Beachtung, weil wir – mitunter aus unerfindlichem Grund ‑ wieder sehen können, woran sie sich satt gesehen haben. Sie schlugen das Buch zu, deren Seiten wir, aus purer Neugier oder in kindlicher Abenteuerlust, wieder aufblättern.

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Und manchmal bleiben wir daran hängen. Warum eigentlich? Vielleicht weil uns dieser Gegenstand nebulös daran erinnert, dass wir selber zu einem guten Teil aus Vergangenheit gemacht sind, die weiter zurückreichen kann als unsere eigene Geburt. Ereignetes, Erlebtes, Geliebtes, Erkanntes, Erahntes, Gespürtes, Ersehntes, Erdachtes, Geträumtes, kurz gesagt, alles Mögliche taucht wieder in uns auf. Etwas, das eine Beziehung zu uns hat, ohne dass wir uns dessen bewusst gewesen wären. Dinge, die aus unserem Blickfeld, aber nie aus unserem Inneren entschwanden. Abgestellte Dinge, die darauf warten, wieder entdeckt und neu verortet zu werden.

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Manchmal legen wir den Gegenstand wieder zurück, belassen ihn dort, wo wir ihn fanden oder stellen ihn auf einem anderen Regal wieder ab.

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Ein anderer muss sich seiner Geschichte annehmen, sie zu anderer Zeit an anderem Ort forterzählen. Denn wir, das fühlen wir schemenhaft, aber doch unweigerlich, sind nicht die richtigen Autoren. Nicht wir suchen schließlich den Stoff, sondern der Stoff sucht uns aus.

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Ebenso vielfältig wie die Waren aus zweiter Hand sind die Örtlichkeiten, an denen sie feilgeboten werden. Zuweilen sind sie kurioser als die Fundstücke selber. Wer würde schon hinter diesem Zelt einen Loppis vermuten?

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Doch genau darum handelt es sich. Das Schild räumt alle Zweifel aus.

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Dann also nichts wie rein …

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… und den Zufall Geschichte spielen lassen ….

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… schneller als man glaubt, finden sich jene, die zusammen gehören …

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… selbst wenn es sich nur um eine kurze gemeinsame Wegstrecke handelt, die nicht länger misst als der Besuch in einem Zelt auf einer Insel mit dem merkwürdigen Namen Inselland bzw. Öland.

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Andere gehen anderen Dingen …

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… näher auf den Grund …

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… und wer hüben nichts gefunden hat, versucht sein Glück eben drüben, will sagen im nächsten Loppis, der früher oder später am Straßenrand auftaucht, sofern er nicht mitten in der Pampa liegt. In solchem Fall wird man mit handgemalten Schildern sicher bis zum Ziel geleitet. Je abgelegener der Loppis, desto unwahrscheinlicher die persönliche Anwesenheit des Loppishändlers. Bei aller Liebe, er hat schließlich noch anderes zu tun, als tagaus, tagein in einer kleinen Hütte auf Kundschaft zu warten. In der ländlichen Welt Schwedens, und insbesondere Gotlands, geht man grundsätzlich von der Ehrlichkeit seiner Mitmenschen aus. Ein Schuppen mitten im Grünen …

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… vollgestopft mit Trödel, doch weit und breit kein Besitzer in Sicht …

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… in Schweden überhaupt kein Problem. Kasse ins Regal gestellt, mit genauer Anleitung, was zu tun ist: „Hier bezahlen! Danke, dass ihr die Preisschildchen mit in die Kasse legt!“ Das erlaubt später eine saubere Buchhaltung …

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… sofern das Schicksal Loppisliebhaber und Loppisfund am A…, äh am Ende der Welt wirklich zusammenschweißt, so dass der Rubel, nein, natürlich die Krone rollt …

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Manchmal führt ein Öppet-Schild …

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… den Besucher in höhere Regionen, als erwartet …

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… nämlich direkt auf den Dachboden zu ungeahnten Schätzen in schummrigem Licht …

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… während draußen in der gleißenden Sonne die betagten Dinge noch älter erscheinen, als sie ohnehin sind, steinalt genau genommen, und eben darum handelt es sich in diesem Fall ja auch, Versteinerungen aus Holz und Knochen, Fossilien jeglicher Art …

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Im Loppis gibt es nichts, was es nicht gibt. Bücher in der Schubkarre zum Beispiel …

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… und warum nicht gleich das eigene Auto zum Loppisladen machen, wie beim sogenannten Backluckeloppis bzw. Bagageloppis …

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… wenn’s regnet, dient die Heckklappe als Regenschirm …

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… und altgediente Profis haben sowieso immer eine Plane dabei …

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Wie eng der Loppis mit der schwedischen Alltagskultur verbunden ist, beweisen auch die Trödelecken, die sich mitunter in ganz normalen Läden finden. Zum Beispiel im Nebenraum eines kleinen Lebensmittelgeschäftes auf Öland …

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… oder direkt vor dem Schaufenster eines Geschäftes in Vimmerby. Rechts normale reduzierte Markenware, links die Loppis-Kiste mit Gebrauchtwaren, die – wer weiß es schon genau – möglicherweise von der diensthabenden Verkäuferin abgestellt wurde, um zu Hause wieder Luft  für neue Loppisfunde zu schaffen …

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Riesige Lagerschuppen wie diese …

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… können die Wahl …

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.. zur Qual machen …

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Für alle, wirklich alle, gibt es ein passendes Angebot, natürlich auch für solche, die am liebsten unter freiem Himmel wandeln. Fast wie ein Freizeitpark wirkt Jannes‘ Loppis, der …

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… verteilt über Wiesen …

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… und Hütten …

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… sogar großmundig das „Paradiset“ verkündet …

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… das auf den ersten Blick nur Gerümpel offenbart …

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… bei nährem Hinsehen aber doch ein Paradies enthüllt, das eine ebenso betagte wie geschickte Dame, eine wahre Handarbeitskünstlerin, mit blühender Phantasie in langen Winternächten aus ein bisschen Pappe, Garn und etlichen Stoff-Fetzen schuf, mit Hilfe von Häkel-, Strick- und -Nähnadeln …

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Wenn es soweit ist, gibt es nichts zu rütteln. Etwas bricht sich Bahn und begehrt Einlass in unser Leben. Auch wenn der Transport zunächst hoffnunglos schwierig erscheint, am Ende findet sich immer eine Lösung, selbst für einen empfindlichen Papprücken, der keinesfalls knicken darf. Zuerst schmückt der Loppisfund die Wand in der Ferienhütte auf Gotland …

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… dann wird er von einem professionellen, in Berlin zertifizierten Kofferraum-Verpackungskünstler sicher über die Ostsee auf das schwedische Festland manövriert …

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… bis er schließlich an seinem neuen Wirkungsort, dem Heimbüro im Gelben Haus am See landet, wo er für andere Loppisfunde das Fenster zur Welt spielt …

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… umrahmt von Spitzengardinen und geschmückt mit bunten Topfpflanzen. „Strick dir deine Welt“ bekommt beim Blick durch dieses Fenster eine gänzlich neue Bedeutung. Oder sollte es besser „Häkel dir dein Paradies“ heißen?

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